Rede von Bürgermeister Matthias Baaß zum Volkstrauertag 2020 (Video)

75 Jahre nach Kriegsende

Im September 1943 schreibt der noch sehr junge Karl einen Brief:

Liebe Eltern!

Wenn ihr diesen Brief erhaltet, dann habe ich die Heimat bereits verlassen. Morgen Mittag fahren wir los. Ich bin froh, dass ich Sonntag nochmal bei euch war. Es geht nach Russland. Ich werde immer schreiben, damit ihr genau Bescheid wisst.

Viele Grüße, Euer Sohn Karl

Einige Wochen später schreibt er erneut:

Liebe Eltern!

In bin soeben dabei, meinen Schnaps zu verkonsumieren. Es ist französischer, Marke Dreistern. Der hat ordentlich Prozente. Ich bin schon so weit, ich denke gar nicht mehr, dass ich in vorderster Linie bin. Hier ist es immer das gleiche. Ich bin froh, wenn ich die zwei Stunden Posten-Zeit hinter mir habe und noch am Leben bin. Hier wird geschossen wie verrückt. In der Nacht ist es am schlimmsten. Man darf den Kopf nicht über die Deckung halten, sonst ist es passiert.

Meine große Hoffnung, einst zu euch gesund zurückzukehren, hält mich noch hoch. Liebe Eltern, schickt mir doch bitte kleine 100 Gramm Päckchen mit etwas Kuchen oder Schmalz.

Viele Grüße sendet Euch Euer Sohn Karl


Karl wird nur noch einige Tage leben, die Briefe der Mutter an ihn kommen alle wieder zurück. Irgendwann erhält sie Nachricht vom Kompanie-Führer, ihr Sohn sei den Heldentod gestorben. Ihr einziges Kind, welches sie zwanzig Jahre lang großgezogen, behütet und geliebt hat, war tot.

Diese Briefe gibt es als überlieferte Dokumente in jedem europäischen Land. In Viernheim, in unseren Partnerstädten , auch in Mlawa in Polen, wo ich im letzten Jahr eine Ausstellung dazu besuchen konnte. Wir werden diese Briefe im Laufe des kommenden Jahres im Museum in Viernheim ausstellen, um zu verdeutlichen, dass das Leid in jedem Land die Familien gleichermaßen getroffen hat.

Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht der Zweite Weltkrieg in Europa.

Die ungeheuerlichen Ausmaße und Folgen dieses von Deutschland ausgegangenen Angriffs-krieges sind einzigartig in der Geschichte: Über 60 Millionen Menschen verloren ihr Leben. Etwa 6,3 Millionen Deutsche starben, keine Familie blieb von den Auswirkungen des Krieges verschont.

Doch damit war es nicht vorbei:
Für viele begann die Kriegsgefangenschaft unter menschenverachtenden Bedingungen. Und es kam zu Flucht und Vertreibung aus der Heimat. Im Winter 1945 floh die Bevölkerung vor der heranrückenden Roten Armee.
Meine Generation kennt die Bilder aus Filmen: Mütter, die Kinder übers zugefrorene Haff zerren, tote Pferde, zurückgelassene Erfrorene.

Für viele Deutsche eine Zeit voller Hunger, Entbehrungen und willkürlicher Gewaltakte. Für die Menschen in der späteren sowjetischen Besatzungszone wurde die nationalsozialistische Terrorherrschaft durch eine kommunistische Diktatur ersetzt.

Das Gedenkjahr 2020 sollte uns aber auch die Leistungen der Verständigung und Annäherung ins Bewusstsein rufen: Vor 70 Jahren legte der französische Außenminister Robert Schuman den Grundstein für unser heutiges Europa. Vor 50 Jahren wurde mit den Verträgen von Moskau und Warschau die Aussöhnung mit unseren östlichen Nachbarn vorangebracht, vor 30 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt.

Wir haben uns an ein Leben in Freiheit, Demokratie und Frieden gewöhnt. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verflüchtigt sich.

In Viernheim leben ca. 900 Bürgerinnen und Bürger, die heute 85 Jahre oder älter sind, für sie ist es ganz bestimmt keine flüchtige Erinnerung, sondern immer noch bittere Erfahrung.

Mit diesen Älteren gemeinsam möchte ich heute ein Wort des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in Erinnerung rufen:

"Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahr."

Kriege sind ganz bestimmt keine Naturkatastrophen, sie „fallen nicht einfach vom Himmel“. Kriege werden lange vorher vorbereitet: mit Feindbildern, autoritären Denkmustern und Propaganda.

Jeder Tendenz dieser Art müssen wir entgegentreten. Wir sind dazu verpflichtet, um all jenen, die getötet wurden, damit die Ehre zu erweisen!

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