Blick in die Zukunft: Fachkräftemangel befördert neue Vorhaben Wohngemeinschaften können weiterhelfen

Trotz einer zunehmenden Zahl von hochbetagten Menschen sinkt der Anteil der älteren Menschen, die in Heimen versorgt werden: von 31 % im Jahr 2007 auf 21 % im Jahr 2018

In der Bundes- und Landespolitik wird dem Grundsatz „ambulant vor stationär“ Vorrang eingeräumt, weil absehbar ist, dass ausreichendes Fachpersonal nicht zur Verfügung steht und der Personaleinsatz im vollstationären Bereich noch höher ist als bei einer ambulanten Versorgung. Für 2030 liegt der Zusatzbedarf bei knapp 10.000 Fachkräften in Vollzeit, so haben es Berechnungen des hessischen Pflegemonitors ergeben. Eine Anzahl, die in Anbetracht der tatsächlichen Ausbildungszahlen, nicht erreichbar erscheint.

Umso wichtiger wird es, sich im Detail und praktisch mit möglichen Alternativen zu beschäftigen.

Bürgermeister Matthias Baaß schlägt dem Sozial- und Kulturausschuss für seine Sitzung Ende August vor, sich mit den Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten für das Wohnen und Leben im Alter zu beschäftigen. Dabei soll es um die Teilhabe am Leben auch in digitaler Hinsicht gehen, um Fragen der Gesundheit und der Mobilität, aber auch um Pflege und Wohnen. Ein Praxisprojekt könnte die Vorbereitung von Wohngemeinschaften sein, nicht nur, aber auch für an Demenz erkrankte Bürgerinnen und Bürger sein.

In den letzten Jahren, so die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, sind zahlreiche ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz entstanden. In einer solchen Wohngemeinschaft leben in der Regel 6 bis maximal 12 Personen in einer großen Wohnung zusammen. Sie werden von einem ambulanten Pflegedienst betreut. Die Erkrankten (vertreten durch Angehörige bzw. rechtliche Betreuer) sind Mieter. Sie zahlen Miete für ihren individuellen Wohnraum und anteilig für gemeinsam genutzte Räume (Wohnzimmer, Küche, Bäder). Das Zusammenleben und die Rolle der Angehörigen beschreibt die Alzheimer Gesellschaft wie folgt: „Menschen mit Demenz leben als Mieter in der Wohngemeinschaft. Die WG ist ihr Zuhause, in dem sie sich wohl fühlen sollen. Dazu trägt ein „normaler“ Tagesablauf bei, der von dem ambulanten Pflegedienst durch gemeinsame Mahlzeiten und Aktivitäten strukturiert wird. Die Bewohner werden in ihren Fähigkeiten gefördert und bei der Gestaltung des Alltags unterstützt. Individuelle Wünsche und Tagesrhythmen sollen gelebt werden können. Menschen mit Demenz können, auch wenn der Pflegebedarf stark zunimmt, bis zu ihrem Tode in der WG leben.“

Angehörige und rechtliche Betreuer übernehmen in solchen Projekten eine neue Rolle: „Sie treffen sich regelmäßig, um gemeinsame Angelegenheiten zu besprechen, Beschlüsse zu fassen und die Interessen der WG-Mitglieder gegenüber dem Pflegedienst wahrzunehmen. Die Angehörigen behalten ihre Verantwortung und geben lediglich den überwiegenden Teil der Pflege und sozialen Betreuung ab, üben aber auch hier die Kontrolle aus“, so die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.

Die Angehörigen können im Alltag der WG dabei sein, kümmern sich um gemeinsame Anschaffungen, Renovierungen usw. und um die Absprachen mit dem Pflegedienst. Auf diese Weise können ambulant betreute Wohngemeinschaften eine gute Form des gemeinsamen Wohnens für Menschen mit Demenz und eine Alternative zum Pflegeheim darstellen. Wenn Angehörige selbst eine Wohngemeinschaft gründen möchten, sollten sie sich ausführlich beraten lassen und kompetente Partner suchen.

Die Seniorenberater der Stadt Viernheim Beate Preuss und Eberhard Schmitt-Helfferich sind bereits in einer ersten kleinen Initiativgruppe aktiv, um die Möglichkeiten einer Umsetzung in Viernheim zu prüfen (Kontaktdaten: Herr Eberhard Schmitt-Helfferich, Tel.: 988-336, E-Mail: und Frau Beate Preuss, Tel.: 988-236, E-Mail: ). Schon jetzt macht die Seniorenberatung auf einen Vortrag zu neuen Wohnformen am 29.10.2020 aufmerksam. Referentin wird Helene Rettenbach sein, eine Architektin, die in diesem Bereich über vielfältige Erfahrungen verfügt.

Auch die Hessische Landesregierung und die Pflegekassen unterstützen die Gründung von ambulant betreuten Demenz-Wohngemeinschaften. Ein Aufbau-Leitfaden informiert unter https://www.demenz-wg-hessen.de/leitfaden.html sowohl Vertreter von Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften und anderen Institutionen, als auch Interessierte, die sich aus persönlichem oder ehrenamtlichem Engagement heraus für die Gründung einer Wohngemeinschaft interessieren. „Demenz-WGs sind alltagsnah und familienähnlich strukturiert und damit eine wichtige alternative Wohnform für Menschen mit Demenz und ein zentraler Bestandteil einer demenzfreundlichen Kommune“, erklärt Sozial- und Integrationsminister Kai Klose.

Eine eigens eingerichtete Fachstelle steht potenziellen Initiatoren und Projektträgern für Fragen rund um eine WG-Gründung zur Verfügung. „Als Fachstelle ist es unsere Aufgabe, zu beraten und die Entstehung weiterer selbst verwalteter Demenz-Wohngemeinschaften zu fördern. Als Stiftung bringen wir viele Jahre Wissen und Erfahrung im Demenzbereich und insbesondere im Aufbau von Demenz-Wohngemeinschaften mit. Daher kennen wir die Sorgen und Nöte von WG-Gründern. Diese haben wir in den Leitfaden einfließen lassen“, so Maren Ewald, Leiterin der Hessischen Fachstelle.

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