Blick in die Zukunft: Dem Pflegenotstand mit neuen Überlegungen begegnen

Altbekannte Lösungen helfen nur zum Teil

Bürgermeister Matthias Baaß schlägt der Stadtverordneten-Versammlung vor, sich erneut intensiv mit den Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten für das Wohnen und Leben im Alter zu beschäftigen, wir berichteten. Dabei soll es um die Teilhabe am Leben auch in digitaler Hinsicht gehen, um Fragen der Gesundheit und der Mobilität, aber auch um Pflege und Wohnen.

Zum Hintergrund hat dieser Vorschlag, dass die Gesellschaft in Deutschland vor einer großen Herausforderung steht: Unzweifelhaft wird der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung steigen und damit auch die Zahl der Menschen, die pflegebedürftig sind. Gleichzeitig ist nicht zu erwarten, dass es für deren Versorgung ausreichendes Fachpersonal geben wird. So hat der hessische Pflegemonitor im Jahr 2015 bereits für 2025 einen Zusatzbedarf von 6.300 examinierten Altenpflegerinnen und Altenpflegern ausgewiesen, um ausscheidendes Personal zu ersetzen und dem steigenden Bedarf gerecht zu werden. Für 2030 liegt dieser Bedarf bei knapp 10.000 Fachkräften in Vollzeit, eine Anzahl, die in Anbetracht der tatsächlichen Ausbildungszahlen mitnichten erreichbar erscheint.

Bundesweit wurde von den Verantwortlichen in der Politik darauf bereits reagiert. Zielsetzung der Bundesregierung ist es, die stationäre Pflege (als teuerste Lösung) weiter zu begrenzen, es gilt der Grundsatz „ambulant vor stationär“, entsprechend werden die finanziellen Lenkungsmechanismen gesetzt. So ist die Quote der vollstationär in Heimen versorgten Menschen (Heimquote) inzwischen von 31 % im Jahr 2007 auf 21 % im Jahr 2018 gesunken.

Zu dieser Entwicklung hat mehreres beigetragen: die zunehmende staatliche Unterstützung pflegender Angehöriger z.B. mit einem Pflegegeld, das Entstehen alternativer Wohnformen, die finanzielle Förderung des altersgerechten Wohnungsumbaus und sinkende Verweildauern in stationären Einrichtungen. Baaß: „Die Aufnahme in einem Altenheim findet heute vielfach deutlich später im Lebensverlauf statt. So ist beispielsweise die durchschnittliche Verweildauer in unserem städtischen „Forum der Senioren“ von früher 6 Jahren auf nunmehr 2,5 Jahre gesunken. Die Menschen bleiben länger in ihrem häuslichen Umfeld, weil es Ihnen dort noch gut geht und das zuhause unterstützende ambulante System mehr Leistungen anbieten kann als früher.“

Ein Beispiel dafür, so Baaß, sind auch neu entstandene Wohngemeinschaften, die von Pflegediensten betreut werden. Matthias Baaß: „Das sind 4 - 6 Einzelwohnungen auf einer Etage nebeneinander oder zwei sehr große Wohnungen, die nebeneinanderliegen und für jeden Bewohner ein eigenes Zimmer ermöglichen. Die Menge an Fachpersonal, die hierfür vorgehalten werden muss, unterscheidet sich deutlich von den Bedingungen in einer vollstationären Einrichtung.“

In der Wissenschaft finden sich interessante Aussagen zur weiteren Entwicklung. Professor Dr. Heinz Rothgang, Universität Bremen, ist der Überzeugung, dass der Pflegenotstand nur dann einigermaßen abgewendet werden kann, wenn das zur Verfügung stehende Fachpersonal so eingesetzt wird, dass möglichst viele Menschen davon profitieren können. Deswegen müssten die neuen zusätzlichen Versorgungsstrukturen so aufgebaut werden, dass der personalintensive vollstationäre Bereich nicht weiter ausgebaut wird. Gleichzeitig sollte dezentral liegenden kleinere Einheiten „im Quartier“ der Vorzug gegeben werden. Solche Angebote könnten dann auch wieder für Fachkräfte interessant werden, die sich aus dem Beruf zurückgezogen haben oder aufgrund der großen Anforderungen nur noch in Teilzeit tätig sind.

Erste Beispiele dafür entstehen bereits. „Zuhause in Mainz“ ist das erste Wohnprojekt seiner Art in Rheinland-Pfalz. Gebaut von der Mainzer Wohnbau wurde es 2016 eröffnet. Ziel ist es, im Alter ein selbstbestimmtes Leben und Wohnen zu führen. Dafür gibt es eine 24-stündige Versorgungssicherheit durch einen Pflegedienst – ohne Betreuungspauschale. „Was erstmal nach Seniorenprogramm klingt“, so das Mainzer Journal „sensor“, „richtet sich doch an Jung und Alt, an Menschen mit und ohne Pflegebedürftigkeit. Der Altersdurchschnitt liegt bei 41 Jahren, 24 Prozent der Bewohner sind Kinder.“

Eine neue Form entsteht langsam auch im Bereich der Versorgung für an Demenz erkrankte Menschen, die nicht mehr in ihrer bisherigen Wohnung bleiben können. In einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz leben die 8 – 12 Mieter gemeinsam und werden durch ambulante Dienste gepflegt und betreut. Ziel ist es letztlich, Menschen mit Demenz ein Leben in einer familienähnlichen Atmosphäre zu ermöglichen und zugleich die notwendige Pflege und Betreuung sicherzustellen.

Matthias Baaß: „Mein Ziel ist es Partner zu finden, mit denen etwas Ähnliches in Viernheim angegangen werden kann, entweder im neuen Wohngebiet Bannholzgraben II oder an anderen Stellen im Stadtgebiet. Es gibt eine enorme Vielfalt, wie die Menschen ihr Leben im Alter gestalten möchten, deshalb kann es nur dienlich sein, wenn sich diese Vielfalt auch in den Angeboten des Wohnens und der Unterstützung wiederfindet.“

Neben dem schon bestehenden Mangel an Fachkräften sind bei Betrachtung der Ausgangssituation natürlich noch weitere Fakten von grundlegender Bedeutung: Nach Angaben des Kreises Bergstraße gab es im Landkreis im Jahr 2017 9.800 Pflegebedürftige. Knapp 53 % davon bezogen ausschließlich Pflegegeld. Weitere 22 % wurden von ambulanten Pflegediensten versorgt. Leistungen der stationären Altenhilfe nahmen 2.475 Personen in Anspruch (25 %). Nur auf Viernheim bezogene Zahlen liegen nicht vor, dürften sich aber ungefähr in einem ähnlichen Bereich bewegen. Wenn in den Medien zur Altenhilfe berichtet wird, steht in aller Regel das Leben in Altenheimen im Vordergrund. Tatsächlich leben aber 75 % aller Betroffenen nicht in Altenheimen.

Weitere interessante Zahlen: Im Jahr 1963 standen in Viernheim 23 stationäre Pflegeplätze zur Verfügung, heute sind es im „Forum der Senioren“ 154. Mit dem Neubau des Hospizes (10 Zimmer) ist der Versorgungsgrad weiter erhöht worden, denn auch dort werden nun Leistungen der stationären Altenhilfe erbracht. Gleichzeitig steigt im Forum der Senioren die Zahl der Bewohner, die nicht aus Viernheim kommt: 25% der Bewohnerinnen und Bewohner kommen aus der Region. Damit kommt die Einrichtung ihrem generellen Versorgungsauftrag nach, der nicht an eine Platzvergabe für Viernheimer Bürger gebunden ist. Damit wird aber gleichzeitig auch für die notwendige betriebswirtschaftliche Auslastung Sorge getragen.

Alle Artikel zu dieser Reihe finden Sie unter: https://www.viernheim.de/leben-bauen-bildung/viernheim-fuer/senioren/blick-in-die-zukunft.html