Abwasserverband investiert in ökologische Zukunft: Kläranlage erhält 4. Reinigungsstufe und wird den Schadstoffeintrag erheblich verringern

Bundesländerübergreifende Zusammenarbeit bewährt sich erneut

Viele Substanzen aus dem Abwasser werden durch die üblichen drei Reinigungsstufen einer kommunalen Kläranlage sehr gut entfernt. Problematisch sind die sogenannten Spurenstoffe, die bisher nur schwer oder gar nicht abgebaut werden können und so öffentliche Gewässer verschmutzen. Mit der vierten Reinigungsstufe ist es möglich, auch diese Stoffe weitgehend zu entfernen. Mit einer solchen 4. Reinigungsstufe soll nun die Kläranlage des Abwasserverbandes Bergstraße ausgerüstet werden, darüber informierten die Verbandsmitglieder des Abwasserverbandes und Bürgermeister Manuel Just (Weinheim), Matthias Baaß (Viernheim) und Jürgen Kirchner (Hemsbach) in einem Pressegespräch gemeinsam mit dem Geschäftsführer des Abwasserverbandes Hubert Ensinger.

Die Planungen der Baumaßnahme, für die drei bis vier Jahre veranschlagt sind, sollen noch in diesem Jahr beginnen. Die Kosten werden 20 bis 25 Millionen Euro betragen, das Land Baden-Württemberg fördert solche Baumaßnahmen mit einem Zuschuss von 20 Prozent. Unter Berücksichtigung von Bau- und Betriebskosten werden Mehrkosten für die Abwasserbehandlung erwartet. Je nach Zinsbelastung wird der Preis für das Abwasser für den Gebührenzahler um ca. 0,30 - 0,35 Euro pro Kubikmeter ansteigen.

Der Umwelt- und Gesundheitsaspekt mache die Maßnahme erforderlich, erklärt Verbandsvorsitzender Manuel Just, denn inzwischen verschmutzen auch Stoffe aus Arzneimittel, Biozide, Pflanzenschutzmittel, Wasch- und Reinigungsmittel oder Körperpflegeprodukte zunehmends die öffentlichen Gewässer. „Untersuchungen ergaben, dass die Weschnitz derzeit mit 50 Prozent dieser Schadstoffe belastet wird, die sich in geringen Konzentrationen nachteilig auf die Gewässerqualität und die Gewässernutzung auswirken können.“ Für den Rhein sei diese Menge „Peanuts“, ergänzt Geschäftsführer Ensinger, „aber für die Weschnitz von großer Bedeutung.“ Aus diesem Grund sei der Abwasserverband Bergstraße angehalten, die 4. Reinigungsstufe zu verwirklichen. Auch das Regierungspräsidium Karlsruhe gab den dringlichen Apell.
 
Noch sei der Bau einer 4. Reinigungsstufe für Kläranlagen in der gleichen Größenordnung kein Zwang, „aber das wird kommen“, sind sich die Mitglieder des Abwasserverbandes sicher. Daher solle die Baumaßnahme jetzt auch angegangen werden, solange es noch Fördergelder gebe.

Dem Abwasserverband Bergstraße angeschlossen sind die hessischen Städte und Gemeinden Birkenau, Gorxheimertal (durch den Abwasserverband Grundelbachtal) und Viernheim. Auf badischer Seite ist neben Weinheim, Hemsbach, Hirschberg und Laudenbach zudem der Ortsteil Ober-Laudenbach der Stadt Heppenheim an das Netz angeschlossen. Das Abwasser von insgesamt 200.000 Haushalten von Einwohnern und Industrie werde durch die Kläranlage in Weinheim gereinigt und der „Neuen Weschnitz“, dem nördlichen Lauf der zwischen Weinheim und Lorsch zweiarmigen Weschnitz, übergeben, bevor sie dann in Biblis in den Rhein mündet.

Daher bemüht sich auch Viernheims Bürgermeister Matthias Baaß seit 2019 um einen entsprechenden Zuschuss von Seiten des Landes Hessen, „schließlich handelt es sich hier auch um hessisches Gewässer, was gereinigt wird, auch wenn die Baumaßnahme auf badischer Gemarkung vorgenommen würde. Auf Ebene der Sachbearbeitung des Umweltministeriums gebe es eine positive Bereitschaft, berichtet Baaß. Für ihn hat sich der Zusammenschluss in Abwasserfragen der Kommunen seit 1973 bewährt. „Es war eine überaus kluge Entscheidung unserer Vorgänger“, stellt der Erste stellvertretende Verbandsvorsitzende Baaß fest. Eine Entscheidung, die sich noch heute in Euro und Cent für alle Bürgerinnen und Bürger auszahle, denn die Zusammenarbeit der Städte wirke sich für den Abwassergebührenzahler im Vergleich zu Einzelinvestitionen positiv aus.

4. Reinigungsstufe mit Zugabe von Pulveraktivkohle vorgesehen

„Für die Umsetzung einer vierten Reinigungsstufe kommen derzeit drei Verfahren zur Anwendung“, erläutert Ensinger: Zugabe von Pulveraktivkohle, Zugabe von granulierter Aktivkohle und Ozonung. Aus heutiger Sicht sei der Bau einer Anlage für die Dosierung von Pulveraktivkohle mit anschließender Sedimentation und Filtration des Abwassers (Ulmer Verfahren) die geeignete Lösung. Diese Variante zeichne sich durch eine höhere Wirtschaftlichkeit sowie eine bessere Betriebssicherheit im Vergleich mit den alternativ untersuchten Verfahren aus. Neben einer Reduktion von Spurenstoffen um mindestens 80 % im behandelten Abwasser wird durch den Einsatz einer Flockungsfiltration als letzte Behandlungsstufe ebenfalls eine weitergehende Reduzierung der Phosphoremissionen in die „Neue Weschnitz“ erreicht. Die Basis für die Planung bilde eine vorangegangene Machbarkeitsstudie, die vom Land Baden-Württemberg zu 50 % gefördert wurde. Hierin wurden die verschiedenen Verfahren der Eliminierung der im Abwasser enthaltenen Spurenstoffe untersucht, berichtet der Geschäftsführer des Abwasserverbandes.

„Mit Beendigung dieser Baumaßnahme kann auch einer der drei Überwachungswerte um 20% verringert werden“, erklärt Hubert Ensinger, so dass die jährlich fällige Abwasserabgabe in Höhe von zurzeit 215.700,00 € für die Dauer von drei Jahren nicht gezahlt werden müsse und sich die Kosten somit nochmals um 647.100,00 € verringern.

Nach erfolgter europaweiter Ausschreibung werde der Verband im Frühjahr seine Entscheidung treffen, welches Ingenieurbüro den Auftrag erhalten soll.

Bundesländerübergreifende Zusammenarbeit seit 1973

Ende der 60er Jahre erfolgte in dem heutigen Einzugsgebiet des Abwasserverbandes Bergstraße ein starker Bevölkerungszuwachs, so dass die Kapazität der einzelnen Kläranlagen nicht mehr ausreichte. Aus diesem Grund erfolgten Anfang der 70er Jahre die ersten interkommunalen Gespräche zur Erarbeitung einer Gesamtkonzeption.

Am 29. Juni 1973 wurde der Abwasserverband Bergstraße, bestehend aus den Mitgliedern Weinheim, Viernheim und dem Abwasserverband Hemsbach-Laudenbach-Sulzbach gegründet. Als Rechtsform wurde eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts gewählt. Erst nach Ratifizierung des Staatsvertrages zwischen den Ländern Baden-Württemberg und Hessen über die kommunale Zusammenarbeit Ende 1975 war die Rechtsgrundlage für einen Ländergrenzen überschreitenden Zweckverband im Sinne des Zweckverbandsgesetzes geschaffen. Aufsichtsbehörde wurde das Innenministerium Baden-Württemberg, vertreten durch das Regierungspräsidium Karlsruhe. Die Verbandsgründung nach dem Zweckverbandsgesetz erfolgte am 21. September 1976. Im September 1977 wurden das Klärwerk, die Kanäle und Sonderbauwerke in Betrieb genommen. Die Gesamtkosten betrugen circa 106 Millionen DM.

Damals war man der Meinung, bis über das Jahr 2000 hinaus eine vorbildliche Konzeption verwirklicht zu haben. Die Anforderungen an den Umweltschutz wurden höher. Den Forderungen der neuen Abwassergesetzgebung folgend, wurde am 10. Mai 1989 beschlossen, das vorhandene Klärwerk auf die sogenannte "weiterführende Reinigung" (Entnahme von Stickstoff- und Phosphorverbindungen) auszubauen. Die Inbetriebnahme erfolgte am 16. September 1993. Die Gesamtkosten betrugen circa 72 Millionen DM. Zuwendungen erfolgten durch das Land-Baden Württemberg (circa 25,6 Millionen DM) und durch das Land Hessen (circa 14,0 Millionen DM).